Schöne Geschichten fangen meistens mit „Es war einmal…“ an...

...heute wird meine Geschichte anderes beginnen: „Heute entschied ich mich doch das Auto nicht mitzunehmen…“, klingt schon etwas trocken und vermutlich sogar langweilig an, nicht wahr? Nein, ich werde nicht über Ökobilanz und auch nicht über Nachhaltigkeit schreiben. Der Stoff wäre wie geschaffen für ein Märchen, doch es ist wirklich passiert und gerade deshalb kann es niemals ein Märchen werden...

 

Nachdem meine zerbrechliche Mutter ins Altersheim gezogen war, fühlte ich mich verpflichtet, sie noch häufiger zu besuchen. Obwohl sie nicht mehr viel vom Leben hatte, sie wurde vergesslich, verwirrt und war oft nur mit viel Geduld zu erreichen, so machte ich mich regelmäßig auf den Weg zu ihr. Über Worte erreichte ich sie kaum noch, hauptsächlich waren es Berührung und Nähe. Meistens gab mir meine liebe Schwester ihr Auto, schließlich brauchte sie es während der Arbeit nicht, und so konnte ich meine Mutter auch spazieren fahren. Oft fuhren wir zum Strand, blieben aber trotzdem im Auto sitzen, denn meine Mutter hatte fast verlernt, sich zu bewegen. Meine Schwester lebte südlich von Porto und an die südliche Grenze der Stadt fließt der Douro, deshalb mussten wir über die Brücke fahren, um die Stadt zu erreichen. An diesem Tag lag ein Teil der Stadt unter einer dichten Nebeldecke. Man konnte von der Brücke aus genau sehen, wo der Nebel begann und wo sie endete, einige Gebäude ragten daraus hervor.

Heute entschied ich mich doch, das Auto nicht mitzunehmen.

Meine Fotoausrüstung war ohnehin immer dabei, ein Stativ natürlich ebenfalls. Also machte ich mich auf den Weg, nach oben, egal wie. Aus der Vogelperspektive wollte ich die Stadt photographieren. Wie sie unter diesem Schleier lag. Wie einzelne Gebäude herausragten. Wie der Nebel sie kilometerweit verschlang. Ich beschloss, auf ein Hochhaus hinaufzugehen, denn unten war nur noch Suppe. Nicht weit entfernt versuchte ich mich in das höchste Gebäude einzuschmuggeln. Ich drückte verschiedenste Klingeln, aber nichts passierte. Und selbst wenn, wie sollte ich meine Idee überhaupt verkaufen? Um neun Uhr morgens kommt da einer und verkündet, dass er Photograph sei und gerne von einem nach Süden ausgerichteten Balkon Bilder machen zu wollen. Oh Gott, ich sah das schon kommen, aber mehr als ein „Nein“ zu kassieren, wäre auch nicht schlimm gewesen. Dann betrat eine Reinigungskraft das Gebäude und ich gleich mit. Die Dame schaute mich etwas misstrauisch an. Der Aufzug war winzig, auf dem Schild stand: „Max. 3 Personen“. Ich stellte mich einen Umzug im zehnten Stock vor, eine Wachmaschine passte gerade mal rein. So standen wir fast Körper an Körper. Auf dem Rücken trug ich mein großes Stativ und zusätzlich eine nicht gerade kleine Phototasche. Wir konnten uns weder drehen noch bewegen. Sie stieg aus und ich fuhr ganz nach oben. Dort angekommen sah ich drei Türen. Hinter der ersten bellte sofort ein Hund, als ging es um Leben oder Tod. Die Tür bewegte sich nicht. Bei der zweiten rührte sich ebenfalls nichts. An der dritten Tür hörte ich Stimmen. Eine Frau telefonierte, also wartete ich. Sie hörte nicht auf zu telefonieren und schließlich klingelte ich doch. Jetzt kam der Moment, der alles entscheiden würde. Ich sah einen Schatten hinter dem Türspion. Es musste eine kleine Person sein, denn der Türspion war fast einen halben Meter tiefer angebracht als gewöhnlich. Sie öffnete die Tür nicht, und wir unterhielten uns eine Weile durch die geschlossene Tür. Die Dame zögerte und lehnte schließlich ab. Ich verabschiedete mich und ging Richtung Aufzug. Doch plötzlich öffnete sich die Tür. Die Sicherheitskette war noch eingehängt. Vor mir stand eine sehr kleine Frau – höchstens 1,50 Meter groß – im Bademantel. Sie fragte, was sich in meiner großen Tasche befand. Ganz langsam holte ich mein Stativ heraus. Da öffnete sich die Tür vollständig. Sie bat mich nur, nicht allzu lange zu bleiben, da sie später eine Verabredung hatte. Ich ging durch die Wohnung, dieser war groß und liebevoll im englischen Stil eingerichtet. Zu meiner Überraschung gingen wir sogar noch eine Etage höher. Eine Penthouse-Wohnung auf zwei Ebenen. Da staunte ich nicht schlecht.

Wir unterhielten uns über dies und das, ich machte zwar meine Bilder, leider war die viel versprechend Aussicht bereits vorbei, als wir auf die Terrasse ankam.

Der Schleier zog sich Richtung Meer und ich fragte schließlich, ob ich Photos von Ihr machen dürfte. 

Als wir wieder nach unten gingen, blieb ich plötzlich vor einem Bild stehen. „Wer ist die Person?“ „Das bin ich vor fünfzig Jahren in Tokio. Das Bild hat mein verstorbener Mann gemacht.“ Ich nahm das Passepartout in die Hand und sagte:    

„...Sie sehen aus wie Sophia Loren …" Meine Augen blieben an dem Bild einer Diva hängen, als hätte die Zeit selbst einen Moment innegehalten...

Ganz stolz fragte sie: „Möchten Sie sich weitere Photos anschauen?“ „Na ja … ich bin Photograph, ich mag Bilder.“ „Wenn Sie Zeit haben, dann setzen Sie sich, ich komme gleich wieder.“ Kurz darauf kam sie mit mehreren Photoalben zurück. Es war gerade einmal halb zehn morgens und ich hatte Zeit. Wir unterhielten uns wunderbar, aßen, tranken und lachten, die Zeit verging wie im Flug. Am Ende verabredeten wir uns für den nächsten Tag auf einen Tee am Strand. Bevor ich ging, tauschten wir unsere Visitenkarten aus. Dass ich welche besaß, war keine Kunst, eher Pflicht, aber dass diese alte Dame ebenfalls Visitenkarten hatte, überraschte mich. Als ich ging, war es längst dunkel. Zu meiner Überraschung war es bereits nach 22 Uhr, unglaublich! Am nächsten Morgen stand ich pünktlich um neun Uhr vor ihrer Tür. Sie wartete bereits sehnsüchtig. „Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen, als ich dein Name auf deine Visitenkarte lass“, sagte sie. „Ich habe etwas mitgebracht. Schau es dir genauer an. Kennst du diese Person?“ Sie brachte Texte, Photos und Flyer sogar aus den 1950er Jahren mit.

Ich betrachtete alles genauer. Der Mann auf den Bildern hatte genau meinen Nachnamen. Plötzlich wurde ich still. Ich hatte keine Ahnung, wer das sein könnte. 

„Kennst Du Ihn nicht?“ fragte Sie noch einmal. Ich schaute alles genauer an, der Mann hatte genau mein Nachname. Hab alles auf Bilder festgehalten und ich wurde auch noch nachdenklich! Ich hatte überhaupt kein Schema wer das sein sollte.

Nach einer Weile fuhren wir los und verbrachten gemeinsam einen wunderschönen Morgen.

Als ich später zu meiner Schwester kam, zeigte ich ihr die Bilder. Leider wusste auch sie nicht, wer diese Person sein könnte. Der Mann war uns völlig fremd. Einige Tage später besuchte ich meine Cousinen und den Rest der Familie väterlicherseits. Doch auch dort erhielt ich keine Antworten. Die Ältesten lebten bereits nicht mehr, nur unsere Generation war noch da, und sie waren genauso ratlos wie ich. Ich flog zurück nach Deutschland und verlor die Sache irgendwann aus den Augen. Wochen später war ich wieder bei meiner Mutter. Ohne groß darüber nachzudenken, zeigte ich ihr die Photos. „Wo hast du die Bilder her?“, fragte sie. „Wer ist das, Mutter?“ Es war mir gar nicht in den Sinn gekommen, meine Mutter zu fragen, denn selbst einfache Gespräche waren inzwischen sehr anstrengend geworden. Außerdem litt sie bereits an Demenz, aber genau daran hatte ich in diesem Moment gar nicht dran gedacht. Menschen mit Demenz können Erinnerungen aus ihrer Vergangenheit oft erstaunlich klar abrufen. Sie schaute die Bilder an. „Das ist der Bruder deines Opas, der jahrelang verschwunden war …“ „Wie verschwunden?“, fragte ich. Portugal litt ganze 41 Jahre unter Salazars Diktatur. Gegner des Regimes verschwanden plötzlich. Denunziationen unter Nachbarn gehörten zum Alltag, manchmal reichte bereits ein einziger Satz, um deportiert zu werden. In den afrikanischen Kolonien gab es mehrere Konzentrationslager und das Volk lebte in Angst und Schrecken. Mein Uronkel versteckte sich damals vor der Geheimpolizei. Zeza, die alte Dame, hatte dort als Schauspielerin gearbeitet. Dort bekam er Schutz. Es gab einen geheimen Zugang zu einem Zimmer hinter einem Schrank. Dort versteckte er sich jahrelang. Ich konnte nicht fassen, wie ich diese Dame überhaupt „gefunden“ hatte, um diese Geschichte zu erfahren. Die Welt wirkte auf mal so klein, obwohl Porto so groß ist. Wie ist so was zustande gekommen???  

Wir sind Freunde geworden und jedes Mal, wenn ich in Portugal bin, besuche ich Zeza.

Bis heute pflegen wir unseren Kontakt, insbesondere über Briefe, etwas das viele von uns im Zeitalter der Digitalisierung fast vergessen haben. Und übrigens, Zeza schreibt nicht einfach Briefe, es ist echte Kalligraphie-Kunst. Das Tragische an dieser Gechichte ist, dass mein Uronkel kurz nach der Nelkenrevolution im Jahr 1974 starb. Ich war damals gerade vier Jahre alt. Von der Freiheit hat er kaum noch etwas erleben dürfen. Doch seine Geschichte lebt weiter. Und wenn diese Geschichte nicht wahr wäre, müsste man sie erfinden.

Viele Menschen sagen, vom Leben bleibt nichts übrig – nur Taten und Geschichten. So wie diese: „Es war einmal …“