Norden Kolumbien, Departamento del Magdalena, Frühjahr 1998

An der karibischen Küste erhebt sich in der Sierra Nevada de Santa Marta das höchste Küstengebirge der Erde und zugleich die höchste Erhebung Kolumbiens. Umgeben von pyramidenförmigen Bergen und undurchdringlichem Dschungel ragt der Cristóbal Colón auf eine Höhe von 5.775 Metern auf. Inmitten dieser Landschaft befindet sich das Gebiet der Arhuacos, eines indigenen Volkes, das oft nur nach tagelangen Fußmärschen erreichbar ist. 

 

Die teilweise isolierte Lage trägt bis heute zum Erhalt ihrer traditionellen Kultur bei. Dies hat jedoch nicht nur geografische, sondern auch politische Gründe. Das Indianerreservat ist von ehemaligen und teils noch umkämpften Guerillagebieten umgeben, und in der weiteren Umgebung befinden sich Kokaplantagen. Aus den Kokablättern wird Kokain hergestellt, dessen Handel über lange Zeit zur Finanzierung bewaffneter Konflikte beigetragen hat. Durch Maßnahmen zur Drogenbekämpfung ziehen sich die Kokabauern zunehmend in abgelegene und schwer zugängliche Regionen zurück und dringen dadurch immer weiter in das Gebiet der indigenen Bevölkerung vor. Die Arhuacos führen in vielen Bereichen noch heute ein stark naturverbundenes Leben. Großeltern, Eltern und Kinder leben häufig gemeinsam unter einem Dach. Ihre Hütten bestehen aus Holz und Lehm. Sie besitzen keine Fenster und keinen Rauchabzug, auch die Türen sind bewusst schmal gebaut. Somit dringt keine Feuchtigkeit nach innen und Wärme nicht nach außen.

Sie – Lucho und Daisy – ermöglichten mir den Aufenthalt im Indianerterritorium. Ich lernte sie am Strand kennen, von wo aus unserem dreitägigen Reise begann: ein Tag mit dem Bus, eine abenteuerliche Fahrt im Geländewagen durch unwegsames Gebiet und schließlich ein Tag zu Fuß, bergauf und bergab. Mehrmals mussten wir Kontrollpunkte der Guerilleros passieren. Das Durchqueren dieser Gebiete war meist nur Einheimischen vorbehalten. Ausländer galten als besonders gefährdet verschleppt zu werden, um Lösegeld zu erpressen. Entführungen und Erpressungen gehörten neben dem Kokaanbau und -handel zu den Mitteln, mit denen bewaffnete Gruppen wie die F.A.R.C. ihre Aktivitäten finanzierten. An einem Kontrollpunkt beschlagnahmten sie sämtliche Dia Filme, Photographieren war streng verboten. Drei Filme entdeckten die Guerilleros jedoch nicht, und so konnte ich tatsächlich einige wenige Bilder später machen. Die Ironie nach mehreren Monaten im Dschungel – sowohl in Kolumbien als auch in Costa Rica – musste ich leider feststellen, dass fast alle Bilder unbrauchbar geworden waren. Die Dias waren durch die hohe Luftfeuchtigkeit von Pilzen befallen und hatten außerdem ihre Farbigkeit verloren!!!!

 

Im Indianergebiet fand ich eine faszinierende Mischung aus Felsengebirgen und Dschungel vor, eine Landschaft aus Sümpfen, wilden Flüssen, spektakulären Wasserfällen und undurchdringlich dichten Wäldern. Besonders beeindruckten mich die Indianerkinder. Zu ihnen hatte ich jedoch nur wenig oder gar keinen Kontakt. Ich war ein Weißer. In ihrer Vorstellung bedeutete „weiß“ oft fremd, unrein oder ungläubig. Diese Sichtweise steht im Zusammenhang mit den Erfahrungen aus der Kolonialgeschichte und dem Einfluss der Spanier. Heute lernen die Kinder neben ihrer eigenen Sprache auch Spanisch. Sie lernen lesen, schreiben und rechnen. Der Unterricht wird teilweise über das Radio übertragen und zusätzlich vor Ort von Nicht-Indigenen vermittelt.

Mich erstaunte, wie Kinder im Alter von drei, vier oder fünf Jahren bereits mit Tieren arbeiteten, barfuß über unwegsames Gelände liefen, schwere Lasten trugen und kraftvoll schwammen. Sie wirkten klug, schnell, äußerst selbstständig und bemerkenswert anpassungsfähig. Das Leben dort unterschied sich deutlich von dem in vielen anderen indigenen Dörfern. Nicht allein die Isolation des Dorfes spielte dabei eine Rolle, davon gibt es in Kolumbien viele, sondern vor allem die geografische Lage am Fuß der Gletscher der Sierra Nevada. Schon früh übernehmen die Kinder herausfordernde Aufgaben und entwickeln dadurch eine große Selbstständigkeit. Die raue Umgebung und die Menschen dort, insbesondere die Kinder, empfand ich in meinen Augen ein Geschenk Gottes. Aus meiner Perspektive, geprägt von einer Wohlstandsgesellschaft, schienen diese Menschen unter Bedingungen zu leben, die ich als schwierig wahrnahm und dennoch wirkten sie zufrieden und im Einklang mit ihrem Leben. Aus einem kurzen Aufenthalt wurden ungeplant drei Monate. Und ich ahnte, dass ich dort etwas finden würde, das weit über eine Reise hinausging. Ich ahnte Einsicht.

In der Regenzeit war die Feuchtigkeit ein ständiges Problem, wobei selbst in der Trockenzeit kaum etwas wirklich trocknete. Die Wäsche musste über dem Feuer aufgehängt werden, wo sie gleichzeitig etwas Schutz vor den allgegenwärtigen Mücken bot. Durch die Feldarbeit mit der Machete verletzte ich meine Hände. Die ununterbrochene Arbeit und die ständige Feuchtigkeit ließen die Wunden aufreißen und verhinderten, dass sie heilen konnten. Unter starken Schmerzen hielt ich meine Hände ans Feuer, damit sie trockneten und die Haut sich schließen konnte. Doch am nächsten Tag waren sie durch Abwaschen, Duschen und die Arbeit auf dem Feld erneut wund, bis auf das rohe Fleisch. Am schlimmsten waren die Morgenstunden, die über Nacht getrocknete Haut riss wieder auf, und alles begann von vorn. Erst drei Monate später, am Meer, fand dieses Problem schließlich ein Ende.

 

Das Schlimmste für mich ist die Sterblichkeit: Krankheiten, Vergiftungen und Unfälle. Nicht nur Tiere fallen ihnen zum Opfer, sondern am meisten kleine Kinder. Doch der Glaube hilft den Indianern in solchen Situationen. Sie beten Pacha Mama, die Mutter Erde, an und opfern Kokablätter – ein Erbe des Inkavolkes. Noch heute folgen die Arhuacos den alten Lehren der Inka, indem sie in Harmonie mit der Mutter Erde leben. Sie verehren die Natur und versuchen, Geben und Nehmen in Einklang zu bringen. Bis vor wenigen Jahren lebten die Arhuacos vom Tauschhandel, Geld spielte kaum eine Rolle. Heute freuen sie sich darüber, in der Stadt einkaufen zu gehen. Trotz des milderen Klimas im Tal möchten sie jedoch weiterhin in den abgeschiedenen Bergen leben.

Die Indianer haben ihren Naturglauben und die Kokablätter, die ausschließlich den Männern vorbehalten sind. Die Männer müssen oft stundenlang bergauf und bergab laufen, um zu ihren Plantagen zu gelangen oder auf die Jagd zu gehen. Dabei kauen sie Kokablätter. Dadurch bleiben sie leistungsfähig, ermüden weniger und verspüren weder Hunger noch Durst. Sie gelten als ein wirksames Mittel, um körperliche Anstrengungen besser zu bewältigen. Sie tragen lediglich einen Beutel mit den Blättern, einen kleinen Krug Wasser sowie einen Kürbisbehälter, die Calabaça, mit Kalk bei sich. Dieser Kalk wird mit einem Stab entnommen und im Mund mit Speichel und den Kokablättern vermischt. Die Mischung verstärkt die Wirkung der Kokablätter, ich würde es als Rausch bezeichnen, ohne mich zu sehr aus dem Fenster zu lehnen. Jeden Morgen ziehen die Männer gemeinsam zur Arbeit. Diese findet ausschließlich in Gemeinschaft statt, denn jeder hilft jedem.

Die im Dorf verbliebenen Frauen weben aus Agavenfasern kunstvolle Taschen, Decken, Ponchos, Hängematten und Kleidungsstücke. Ihre Webtechniken sind uralt und werden von Generation zu Generation am Webrahmen weitergegeben. Die typischen Muster reichen bis in die Zeit der Inka zurück. Leuchtende Farben werden aus Naturstoffen, Pflanzen, Mineralien und teilweise auch aus synthetischen Stoffen gewonnen. Jede eingewebte Form besitzt eine besondere Bedeutung. Häufig sind die Sonne sowie männliche und weibliche Symbole dargestellt, die stets gemeinsam auftreten.

 Die wichtigsten Personen im Dorf sind die Schamanen. Mit rituellen Opfergaben beten sie zu den Berggeistern und tragen ihnen ihre Anliegen vor. Zur Zeit der Inka gehörten dazu Menschenopfer, heute werden dagegen Lebensmittel, Kokablätter und Alkohol geopfert. Die Schamanen erfüllen im Dorf zentrale Aufgaben, Sie sind Heiler, helfen bei persönlichen Anliegen, wirken als Seelsorger wie Priester und gelten als Hellseher. Als Hüter der Erde können sie nach dem Glauben der Gemeinschaft mithilfe heiliger Kokablätter die Schicksale der Menschen deuten.

Auch ich war im Dschungel mit 41 Grad Fieber todkrank. Ich hatte „quebra huesos“ – „Knochenbrechen“. Genauso fühlte sich mein Körper an. Ich konnte mich nicht mehr bewegen, so sehr schmerzten meine Knochen und Gelenke. Es handelte sich um eine nicht seltene, aber zum Glück nicht tödliche Form der Malaria. Ich lag in Luchos Hütte. Zunächst wollte der Schamane nicht kommen. Ich war ein Eindringling im Dorf, ein unreiner Mensch. Dann kam er doch und stand vor mir. Ich lag in der Hängematte und konnte kaum geradeaus schauen. Das Feuer brannte, draußen war es noch hell. Der Schamane betrachtete mich stundenlang, sagte nichts und bewegte sich kaum. Er war ein alter Mann, stämmig, mit großen Händen, Händen, die für sich sprachen. Händen voller Geschichten. Hände, die viel gearbeitet hatten und es noch immer taten. Dennoch waren seine Hände so sanft und liebevoll. Große Füße, barfuß, mit so viel Hornhaut, dass überall Risse zu sehen waren. Die Zehennägel wirkten wie abstrakte Skulpturen, schwarz wie die Nacht. Der Schamane trug ein weißes Gewand, fast wie einen Kittel, weit und luftig geschnitten. Er hatte langes graues Haar. Seine Augen wirkten wie verglast. Dieser Mann schien keine Pupillen zu besitzen – seine Augen waren weiß, als wären sie von der Sonne verbrannt. Sie sahen her spektakulär aus, und sein Blick war unbeschreiblich. Ich lag in meinem Schlafsack, fror, meine Zähne klapperten, und er schaute mich mit diesem eindringlichen Blick an. Nach und nach fühlte ich mich ihm gegenüber immer entblößter, denn sein Blick drang bis in mein tiefstes Inneres, ein Inneres, das ich selbst nicht kannte. Wie konnte ich so klar empfinden, wenn ich doch kurz vor dem Delirium stand?

Er schaute mich die ganze Zeit an, ohne auch nur einmal mit den Wimpern zu zucken. Je länger er mich ansah, desto mehr fühlte ich mich in meinen Schlafsack und die Hängematte gedrückt. Langsam wurde es dunkel, und ich konnte nur noch seine Falten erkennen, die vom Feuer unregelmäßig beleuchtet wurden. Dann war er plötzlich verschwunden. So, wie er gekommen war, war er auch gegangen, Staub zu Staub. Ich dachte nur: „…so, das war’s.“ Zwei ganze Stunden hatte er mich dort angesehen, erzählte mir Lucho später. Nachdem er gegangen war, fühlte ich mich wie eine offene Wunde, als hätte er mich wie ein Buch aufgeschlagen. Jedes einzelne Kapitel, jede Seite, jeden Satz, jeden Buchstaben hatte er in mir gelesen, und ich konnte mich nicht dagegen wehren. Ich weinte und weinte, und es fühlte sich an, als würde ich an einer Wand hinabrutschen, direkt in einen Abgrund. Gleichzeitig breitete sich jedoch ein Glücksgefühl von innen nach außen in mir aus.

Was für ein Mensch stand mir gegenüber?

Einige Menschen in Kolumbien wussten von meinem bevorstehenden Aufenthalt in der „Sierra“. Sie sprachen von Magie, von einem unbeschreiblichen Ort voller Energie und genauso war es. Ich konnte mein Glück kaum fassen. Ein Nachbar, der gegenüber von meinem Haus in Taganga bei Santa Marta wohnte, sagte zu mir: „…Dort habe ich gelebt, und es war wunderschön. Zu schön. So schön, dass es mir das Herz zerrissen hat. Vier Jahre später musste ich zurück ins Tal. Ich habe es nicht ausgehalten …“ Ich stand damals ziemlich ratlos da. Ich konnte damit nichts anfangen. Wo es mir gefällt, wo es schön ist und wo es mir gut geht, bleibe ich doch auch. Tja, dann war ich im Dschungel. Ich spürte zwar diese besondere Energie, die dort in der Luft lag, konnte aber immer noch nicht nachvollziehen, warum manche Menschen einen solchen Ort nicht ertragen konnten. Diese Frage begleitete mich über Jahre hinweg und ich fand erstmal keine Antwort darauf.

 

Jahre später war ich auf den Lofoten in Norwegen. Ä ist ein kleines Fischerdorf, an dem die Straße endet. Dort leben die Menschen – wie einst die Wikinger, traditionell vom Dorschfang. Die Entstehung der Lofoten geht auf geologische Prozesse zurück, die vor sehr langer Zeit begannen und während der letzten Eiszeit ihre heutige Form erhielten. Tatsächlich gehören Teile des Gesteins zu den ältesten der Erde. Über Millionen von Jahren wurden die Gesteinsmassen durch tektonische Bewegungen verschoben, ohne im Erdinneren vollständig aufzuschmelzen. Irgendwann verkeilten sich die Platten und hoben Teile der Landschaft nach oben. Während der letzten Eiszeit formten gewaltige Eismassen die Inseln weiter: Sie schnitten und schliffen das Gestein und verliehen den Bergen ihre steilen und schmalen Formen. Der Anblick dieser massiven „Zähne“ war einfach unbeschreiblich und überwältigend. Sowohl die Wikinger als auch die Menschen von heute mussten ihre Häuser auf Pfählen errichten, weil es schlicht kaum Platz gibt. Entweder sind die Hänge zu steil zum Bauen, oder das Gelände besteht aus sumpfigem Boden. An diesem Tag, als ich auf Ä war, zogen die Wolken tief über die Landschaft, und zwischen blauem Himmel und Nebel entstand ein faszinierendes Wechselspiel. Das Wasser war spiegelglatt, so glatt, dass sich alles ohne die kleinste Falte darin spiegelte. Diese unbeschreiblichen Berge, die Wasseroberfläche und die unzähligen Möwen, die kreischend den Hafen umkreisten, lösten ein ebenso unbeschreibliches Gefühl in mir aus. Ich saß am Hafen und ließ mir dieses Schauspiel nicht entgehen. Es fehlten nur noch die Flugsaurier, um diese Kulisse vollkommen wirken zu lassen. Immer stärker bildete sich tief in mir ein Gefühl, so intensiv, dass ich plötzlich anfing zu weinen und nicht mehr aufhören konnte. Ich war machtlos. Ich war dort nicht allein. Meine damalige Freundin war ebenfalls dabei, und auch sie konnte diesem Gefühl nicht entkommen. Wir beide verstanden die Welt auf einmal nicht mehr. Und es steigerte sich immer weiter, bis ins Extreme. Schließlich mussten wir diesen Ort verlassen/fliehen. Danach schliefen wir stundenlang, so erschöpfend war dieses Erlebnis gewesen. Plötzlich musste ich an meinen Nachbarn in Kolumbien denken. Die Antwort hatte ich gefunden, ohne überhaupt danach gesucht zu haben, genau dort, Tausende Kilometer entfernt. Ich meinte ganz genau zu wissen, was er damals gefühlt hatte. Ich spürte wahrscheinlich genauso wie er, meine Brust ganz eng werden, und es fühlte sich an, als würde mein Herz zerspringen. Ich hatte echte Schmerzen. Was war das? Was waren das für Schwingungen in mir? Ja, jetzt konnte ich es nachvollziehen, weil ich selbst hindurchgegangen war. Nicht nur mit dem Verstand, sondern auch mit meinen Gefühlen.

 

Zurück nach Kolumbien. Nicht nur der Schamane war verschwunden, alle waren weg. Lucho, Dasy, die Kinder. Die Nacht hatte sich bereits über den Dschungel gelegt. Ich verstand immer weniger. Was ich brauchte, war das Gefühl von Geborgenheit und die Gewissheit, dass mir geholfen wurde. Diese Welt, in der ich mich befand, war so mächtig, dass ich mich wie ein Liliputaner fühlte. Bäume, die bis zu vierzig Meter hoch waren und unter deren gewaltigen Wurzeln Menschen hindurchlaufen konnten. Schmetterlinge, die so groß waren wie DIN-A4-Blätter. Wege, die jedes Mal mit der Machete freigeschnitten werden mussten, weil sie sonst unpassierbar wurden. Ständig Zecken herausreißen. Kühen und Eseln mussten die Beine mit Benzin gewaschen werden, weil sie schwarz vor Zecken waren … die Liste könnte ich noch weiterführen. Da lag ich nun im Dunkeln. Allein. Dann kamen sie alle zurück – mit Kräutern, mit menschlicher Wärme. Alle bemühten sich um mich, jeder versuchte zu helfen, und trotzdem zweifelte ich daran. Schließlich wurde ein Zaubertrunk gekocht. Er schmeckte genauso, wie er aussah, zum Weglaufen. Nach drei Tagen war ich wieder auf den Beinen, auch wenn die vollständige Genesung länger dauerte. Monate später brach die Krankheit in Costa Rica noch einmal aus, danach jedoch nie wieder. Wie wichtig es für mich war, durch diese Erfahrung hindurchzugehen und sie durchzustehen, wurde mir erst später bewusst. Den Glauben an mich selbst hatte ich schon fast verloren. Der Mama lud mich gemeinsam mit Lucho zu einer Sitzung in sein Haus ein. Der alte Mann, der Anführer, war 107 Sommer alt. Er hatte noch alle Zähne, die jedoch vom ständigen Reiben der Tabakpaste schwarz verfärbt waren. Wir liefen ins Dorf. Beim Eintreten konnte ich zunächst nichts erkennen, so dunkel war es im Inneren. Außer dem Geruch von Ruß und einigen schemenhaften Füßen nahm ich kaum etwas wahr. Langsam begann sich ein Bild vor meinen Augen zu formen. Viele Männer saßen dort, alle kauten Kokablätter und rieben ihre Stäbe an kleinen Kürbisbehältern. Niemand sprach. Auch wir setzten uns auf den Boden. Nach einer Weile fiel ein Satz, dann wieder Stille. Rotzen auf den Boden, reiben, Stille. Minutenlange Stille. Dann noch ein Satz, der sich auf den vorherigen aufbaute. Wieder Stille. Minutenlang. Irgendwann schloss ich einfach die Augen. Manchmal hörte ich ihre Sprache, manchmal Spanisch. Aber was machte das schon für einen Unterschied? Ich kam aus der westlichen Zivilisation, und diese Männer unterhielten sich über das Universum, über Sterne, über Leben und Tod, über das Feuer unter unseren Füßen. Stundenlang. Ich saß einfach da und wollte nichts sagen. Ich wollte diesen Moment nicht unterbrechen – vielleicht aus Respekt. Vielleicht wollte ich den „Film“ nicht zerreißen. Ich fühlte mich fast aufgenommen, und ich wollte dieses Gefühl für die Ewigkeit festhalten…